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 24.04.2012

Brückenbauer in die berufliche Zukunft

Foto: N-Media-Images/Fotolia

GründungslotseFaruk Sahin. Foto: privat

In Zeiten großer demographischer Verwerfungen steht die saarländische Wirtschaft vor zwei zentralen Herausforderungen: der Sicherung des Fachkräftebedarfs und der Gründung neuer Unternehmen. Doch bei den Unternehmensgründungen war das Saarland im Ranking der Bundesländer in der Vergangenheit schon alles andere als ein Branchenprimus. Um so schwieriger wird es in einer verschärften Wettbewerbssituation der Länder um die besten Köpfe und Ideen.
Dabei rücken auch verstärkt die Migranten in den Blickpunkt der Politik, die eine Gründungsidee realisieren möchten. Sie sollen künftig besonders begleitet und ihnen so über Schwierigkeiten hinweggeholfen werden, die auch aus mangelnden Sprachkenntnissen, vor allem aber aus  fehlendem Wissen um bürokratische Hürden, einen Businessplan oder Finanzierungsfragen resultieren. Aus diesem Grund haben Ende März das Wirtschaftsministerium, das Netzwerk Integration durch Qualifizierung (IQ Netzwerk Saarland) und das Institut für Technologietransfer an der HTW (FITT) im Rahmen der Gründermesse eine Kooperationsvereinbarung unterzeichnet, in der unter anderem die Einsetzung eines Gründungslotsen für Migranten beschlossen wurde.
Die Idee ist für Saarbrücken nicht neu. Bis zum 31. Oktober letzten Jahres bot die XENOS KompetenzWerkstatt in Malstatt eine Gründungsberatung für Migranten an, doch dem Diakonischen Werk als Träger des Projektes war es nicht gelungen, die Finanzierung durch Drittmittel über dieses Datum hinaus zu sichern. Die bestehenden Strukturen konnten immerhin für die neue Initiative genutzt werden, so dass Gründungslotse Faruk Sahin nicht ganz von vorn beginnen musste. Der 43-jährige türkischstämmige gelernte Wirtschaftsinformatiker, der seit 1976 in Deutschland lebt, weiß, wovon er redet und kennt die Licht- und Schattenseiten der Selbstständigkeit. Faruk Sahin war Unternehmensgründer, hatte Erfolg und musste schließlich doch nach sieben Betriebsjahren Insolvenz anmelden – wertvolle Erfahrungen, die er heute in die Beratung mit einfließen lässt.
Seit dem 1. November 2011, seit dem Aus für XENOS, sind bisher 22 Gründungswillige zu ihm gekommen, aus ganz unterschiedlichen Ländern und Erdteilen, teilweise auch aus anderen Wirtschaftssystemen. Und doch gibt es Dinge, die alle miteinander verbindet: eine Idee, die Euphorie – „sie möchten am liebsten alle schon gestern angefangen haben“, sagt Faruk Sahin – und das Finanzierungsmodell. Alle ohne Ausnahme hätten das notwendige Startkapital im Verwandten- und Freundeskreis beschafft, bisher sei niemand zu ihm gekommen, der die Finanzierung über die Bank realisieren wollte, so Sahin. Einerseits spricht dies für starke familiäre Bande und für die Unterstützung, die Migranten in ihrem persönlichen Umfeld erfahren, es sei aber auch Ausdruck von Angst vor zu viel Bürokratie und staatlichen Institutionen. „Wir bekommen doch kein Geld von irgendeiner Bank“, höre er häufig. Es sei dann schwierig zu vermitteln, dass dies nicht eine Frage des Migrationshintergrundes sei, sondern schlichtweg ein schlüssiger Businessplan fehle, den die Bank für eine Kreditbewilligung brauche. Gründungswillige Migranten seien in der Regel von ihrer Geschäftsidee so sehr überzeugt, dass er auch schon mal bremsend eingreifen müsse, sagt Faruk Sahin. Er weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die private Finanzierung einer Gründung ein erheblicher Vertrauensvorschuss sei, der einerseits die Jungunternehmer trage, andererseits ein Scheitern gar nicht mitgedacht sein und sich daraus innerhalb des Familienverbundes auch Probleme ergeben können.
Einerseits wolle man den „Pioniergeist von Einwanderern ausnutzen“, ergänzt Wolfgang Vogt, Projektleiter des IQ Netzwerks Saarland, andererseits seien Businessplan, Liquiditätsplanung oder Umsatzvorausschau Begriffe, mit denen gründungswillige Migranten meist nur wenig anfangen können. Da genüge es nicht, die Begriffe in die jeweilige Muttersprache zu übersetzen. Und so sei immer wieder festzustellen, dass Unternehmen durchaus erfolgreich starten, auch weil die Inhaber persönliche Kontakte und Geschäftsverbindungen in die Heimatländer nutzen, aber dann in Schwierigkeiten geraten, wenn es läuft, die Erweiterung und Investitionen anstehen und eine Unterkapitalisierung schließlich in die Insolvenz führt.
Deshalb rät Faruk Sahin allen gründungswilligen Migranten dringend dazu, die bestehenden Beratungsangebote anzunehmen. Er verweist hier auf das Beraternetzwerk SOG (Saarland Offensive für Gründer), das allerdings bei Migranten weitgehend unbekannt sei. Deshalb sucht er den persönlichen Kontakt, stellt sich in Vereinigungen und Communities vor, in denen sich die Migranten treffen, um das Thema Unternehmensgründung anzusprechen und es von allen Seiten zu beleuchten. Er nehme sich im individuellen Gespräch sehr viel Zeit für seine Gesprächspartner und verwende die erste halbe Stunde zunächst immer darauf, den Menschen klar zu machen, dass er oder „der Staat“ nichts von ihnen will, sondern dass er ihnen einen unabhängigen, kostenlosen Service anbiete, berichtet Sahin aus der Praxis. Nach dem Gespräch höre er dann öfters von Gründungsinteressierten, dass sie von ihm erstmals auch auf die Risiken ihres Vorhabens hingewiesen wurden.
Neben der Kapitalausstattung ist der Aufenthaltstitel für gründungswillige Migranten ein wichtiges Kriterium. Darauf weist Wolfgang Vogt hin. Ist die Aufenthaltsgenehmigung befristet, hat die Person Flüchtlingsstatus, soll die Gründung als Startup aus dem Studium erfolgen? Hoch sind die Hürden, wenn eine Gründung vom Ausland aus geschehen soll. Schwierig wird es, wenn der Berufseinstieg über Praktika erfolgt, denn die Erteilung der Aufenthaltsgenehmigung setzt voraus, dass die notwendigen Mittel zur Bestreitung des Lebensunterhaltes erworben werden können. Das sei hier aber oft nicht gewährleistet. Allerdings, sagt Wolfgang Vogt, arbeiten Ausländerbehörden und Kammern in den sich daraus ergebenden Fragen eng zusammen und suchen kooperativ nach Lösungen.
Ein nicht geringer Anteil an Unternehmensgründungen durch Migranten erfolgt derzeit als Notgründungen aus der Arbeitslosigkeit heraus. Das geschehe nicht branchenspezifisch, vielmehr sei „alles, wofür man (vermeintlich) nicht viel Gründungskapital braucht“, interessant, so Vogt weiter. Und die Erfolgsaussichten sind gar nicht mal so schlecht: „Erstaunlich viele sind auch nach fünf Jahren noch am Markt“, sagt Vogt und verweist erneut auf die unternehmenskritische Phase zwischen dem fünften und siebten Jahr. „Ein Standardkonzept für die Existenzgründung von Migranten gibt es nicht“, betont der Projektleiter des IQ Netzwerks. Ideal sei es aber, so früh wie möglich von den Beratungsangeboten Gebrauch zu machen. Dabei stehen auch Sprachmittler auf Abruf zur Verfügung, die Gründungswilligen in ihrer Muttersprache beistehen.
Bis zum Jahr 2014 ist das Projekt zunächst befristet. In dieser Zeit möchte der Gründungslotse Faruk Sahin möglichst vielen Migranten den erfolgreichen Weg in die Eigenständigkeit ebnen. Er will damit auch dem Trend entgegensteuern, dass prozentual mehr Migranten als Deutsche Unternehmen gründen, die Erfolgsaussichten allerdings geringer sind. Er sieht sich selbst als „Brückenbauer“ – einerseits mit dem Anliegen, Migrantenvereine nach außen hin zu öffnen, andererseits Wege aufzuzeigen, im Saarland nicht nur menschlich Fuß zu fassen, sondern auch in eine erfolgreiche unternehmerische Zukunft zu starten. tt


© 2013 Saarländische Wochenblatt Verlagsgesellschaft mbH

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